Freitag, 20. Dezember 2024

Hessenreuti. Die grösste öffentlich zugängliche Kunstsammlung der Ostschweiz zügelt dauerhaft nach Sulgen. Genauer gesagt nach Hessenreuti. Für Gemeindepräsident Andreas Opprecht ist das ein Glücksfall. Die Sammlung umfasst über 800 Exponate und bietet «Kunst für alle».

Heinz Nyffenegger sammelt seit den 80er-Jahren. Am liebsten Kunst aus der Ostschweiz. Aber auch national und international bekannte Namen sind auf der Liste der Werke zu finden, die er über die Jahre erstanden hat. Seine Partnerin hat er mit seiner Sammelleidenschaft angesteckt. Zusammen hat das Paar in Arbon eine Ausstellung der Superlative auf die Beine gestellt, die seit 2019 öffentlich zugänglich ist.

Kreativer Kunstdschungel
«ARtBON» heisst dieser Kunst-Erlebnisparcours, der in mehreren Wohnhäusern und einer ausgedienten Fabrikhalle zu sehen ist. Man komme sich vor wie in einem Labyrinth, hat «Thurgau Kultur» über dieses Mammutprojekt geschrieben. Ein «Wunderland für zeitgenössische Kunst», so die «Thurgauer Zeitung». Über 800 Bilder, Skulpturen und Installationen von rund 130 Kunstschaffenden sind auf einem riesigen Areal zu sehen. Dabei handelt es sich keinesfalls um eine Ausstellung wie im Museum. Bewusst haben die Kuratoren Erklärungen an den Werken weggelassen. Die Ausstellung folgt keiner Programmatik und sie richtet sich bewusst an «normale» Menschen. Man muss nicht Kunstwissenschaften studiert haben, um sich hier begeistern zu lassen. Wer sich auf den mehrstündigen Rundgang begibt, soll staunen und ins Gespräch kommen, abtauchen in eine andere Realität. Das ist Heinz Nyffenegger und seiner Partnerin wichtig: Sie wollen andere teilhaben lassen und einen niederschwelligen Zugang zu überwältigender Kunst bieten. Unprätentiös eben.

Weichen sind gestellt
Bald will das Paar seine «ARtBON» in den Sulger Weiler Hessenreuti zügeln. Ob sie dann den Namen ändern, war noch nicht zu erfahren. Die Weichen für den Umzug sind jedenfalls gestellt: Zwei Parzellen an der Kantonsstrasse zwischen Sulgen und Erlen mit einer Gesamtgrösse von rund 2100 Quadratmetern gehören der «Stiftung für Kunst und Kultur», welche Nyffenegger unter anderem zusammen mit seinen beiden Kindern für den Betrieb der Ausstellung gegründet hat sowie der  Immobilienfirma «form arbon AG», die er zusammen mit seinem Sohn Silvan führt.
Es ist davon auszugehen, dass der «ARtBON»-Drive hier auf dem Land fortgesetzt wird. Dazu gehörten bisher Künstlertreffen und eine Künstlerresidenz, in der Kreative untergebracht waren und vor Ort an ihren Werken arbeiteten. Die Pläne für Hessenreuti gehen noch einen Schritt weiter. Es soll ein richtiges Begegnungszentrum entstehen mit festen Mitarbeitern, die vor Ort wohnen und das Zentrum betreuen können, und sogar mit einem Saal für 50 Personen, in dem Veranstaltungen stattfinden können. Die Kunst selbst soll im alten Bauernhaus und in einem Neubau, einer mehrstöckigen Halle, präsentiert werden. Geschätzte Gesamtkosten bisher: 3,5 Millionen Franken. Dass der Kunstmäzen, Architekt und Immobilienunternehmer Heinz Nyffenegger ein Wohnhaus umnutzt, ist nicht neu. In Arbon begann er, in seiner eigenen Wohnung auszustellen.
In Hessenreuti stehen noch Visiere; das Baubewilligungsverfahren läuft. Einsprachen sind während der öffentlichen Auflage aber keine eingegangen. 

Freude über das Projekt
Der Gemeinderat von Sulgen hat das Projekt von Anfang an mit offenen Armen empfangen. Für Gemeindepräsident Andreas Opprecht steht fest: «Wir begrüssen diese Ausstellung und das Begegnungszentrum sehr. Die kulturelle Attraktivität von Sulgen wird steigen.» Zudem freut er sich, wenn neue Arbeitsplätze entstehen. Der Gemeinderat hat im Sommer eine Führung durch die «ARtBON» gemacht. Diese ist Gemeindepräsident Opprecht in bester Erinnerung geblieben. «Die Führung hat drei Stunden gedauert», erzählt er. «Wir haben uns zu keinem Zeitpunkt gelangweilt, so vielfältig waren die ausgestellten Werke und die besondere Präsentation.» Am Ende, gibt er zu, sei die Gruppe wie erschlagen gewesen. «Aber erschlagen im positiven Sinne. So ein Ort ist für jeden eine Inspiration.»

Stefan Böker