Freitag, 29. November 2024
Sulgen. Nach rund drei Jahren hat der Basler Historiker Ernest Menolfi die Arbeiten für das neue Buch über Sulgens Geschichte abgeschlossen. Das reich illustrierte Werk wird am 5. Dezember im Auholzsaal vorgestellt.
Herr Menolfi, wie lautete der Auftrag für das neue Sulger Buch?
Ernest Menolfi: Das Sulger Buch von 1984 ist vergriffen und die Gemeinde hat sich seither wirtschaftlich und mit der Schaffung der politischen Gemeinde auch strukturell gewandelt. Somit drängte sich nach Ansicht des Gemeinderates eine Neuauflage auf.
Welche Ziele haben Sie sich selbst gesetzt? Was wollen Sie mit diesem Buch erreichen?
Menolfi: Das neue Werk soll wissenschaftlichen Anforderungen genügen und gleichzeitig ein anregendes Lese- und schönes Bilderbuch für die Bevölkerung sein. Ein neues Ziel war der betonte Einbezug der Gegenwart. Damit werden die historischen Fakten ergänzt durch einen Blick auf die aktuellen Veränderungen in der Wirtschaft, in der Lebensweise und in der Politik. Der geschichtliche Teil bildet ein Fundament, um Erscheinungen der heutigen Zeit einordnen zu können. Inhaltlich steht das Wirken von Menschen im Vordergrund. Es soll gezeigt werden, dass die meisten Veränderungen von Entscheidungen und dem Gestaltungswillen der Einwohnerschaft abhängen.
Mit welchem zeitlichen Aufwand haben Sie für das Verfassen des Buchs gerechnet? Lagen Sie damit richtig oder mussten Sie mehr Zeit investieren als zunächst gedacht?
Menolfi: Den zeitlichen Aufwand unterschätze ich stets. Mit der Vertiefung in die Arbeit nimmt das Interesse zu und der Ehrgeiz steigt, ein besonderes Buch abzuliefern. Es tauchen neue Fragen auf, aus der Bevölkerung kommen Anregungen und man sieht plötzlich überraschende Zusammenhänge. Dann müssen die Texte umgeschrieben und die Kapitel neu angeordnet werden. Auch die Bilderauswahl ist ein langwieriger Prozess, der heutzutage durch den strengeren Persönlichkeitsschutz erschwert wird. Vorgesehen waren insgesamt zwei Jahre, doch nun sind es gut drei Jahre geworden.
Sie sind bereits Verfasser eines Sulger Buchs. Inwieweit konnten Sie darauf aufbauen?
Menolfi: Ursprünglich sollte der Text des alten Sulger Buches unverändert übernommen werden, da er kaum von seiner Gültigkeit verloren hat. Inzwischen hat sich das Schwergewicht aber stark zugunsten der jüngeren Vergangenheit verschoben. Damit waren Kürzungen im alten Text unvermeidlich. Anderseits sind dort nun auch die Geschichte der anderen Orte der Politischen Gemeinde Sulgen sowie neuere Forschungsergebnisse berücksichtigt.
Die Dominanz der letzten Jahrzehnte im neuen Buch lässt sich an den vielen aktuellen, farbigen Bildern ablesen. Zudem enthält der Text etwas weniger Theorie; dafür ist eine ganze Reihe von Personen mit ihren Funktionen oder Berufen namentlich aufgeführt.
Sie kennen Sulgen seit Jahrzehnten. In welchen Bereichen haben Sie die grössten Veränderungen festgestellt?
Menolfi: Bei der Ortskenntnis ist zwischen der Geschichte und dem Wissen über die reale Gemeinde zu unterscheiden. Das Buch von 1984 war das Ergebnis mehrheitlich theoretischer Arbeit mit historischen Quellen aus auswärtigen Archiven. Direkte Berührungspunkte mit dem Dorf und seiner Bevölkerung waren selten. Dann folgten Jahrzehnte, in denen ich mich mit anderen Themen befasste. So war ich zu Beginn mit dem heutigen Sulgen nicht sehr vertraut und benötigte eine längere Einarbeitungszeit. Es gibt die offensichtlichen Veränderungen: das Lädelisterben und der Einzug der Grossverteiler, der Ausbau des Industrie- und Gewerbeareals, der Abbau der Post- und Eisenbahnleistungen, die Ausscheidung von Wachstumszonen und solchen mit Baustopp oder die zunehmende Anonymität in der Einwohnerschaft. Daneben besteht aber auch ein weniger auffälliger Wandel, der nicht weniger bedeutsam ist, etwa aufgrund des wachsenden Wohlstands, beim Wohnkomfort, bei der Entwicklung der alten Dorfkerne, bei der privaten Mobilität, beim Verhältnis der Bevölkerung zu den Behörden, bei der Kommunikation oder beim Engagement der Bevölkerung zugunsten der Gemeinschaft. Das Buch geht auf beide Aspekte ein.
Sind Sie bei den Recherchen auf ortsspezifische Besonderheiten gestossen?
Menolfi: Sulgen kann von keinen aussergewöhnlichen geschichtlichen Ereignissen erzählen und verfügt auch über keine Gebäulichkeiten und Monumente, die Touristen anlocken würden. Sulgen hat sich in einem langen Entwicklungsprozess und mit aussergewöhnlicher Kontinuität bei der Behörde und ihrem wirtschaftsfreundlichen Kurs zu dem gemacht, was es heute ist, nämlich eine Gemeinde mit solider, auf Tradition begründeter Wirtschaftsvielfalt und begehrten Wohnlagen. Die Analyse der Entwicklung der Gemeinde und des Zusammenlebens über Jahrhunderte ist hier nicht weniger spannend als bei Orten
mit international herausragenden Persönlichkeiten und repräsentativen Gebäuden.
Wie präsentierte sich die Quellenlage in Bezug auf Sulgens Historie?
Menolfi: Die Quellenlage von Sulgen ist gut. Für die älteren Zeiten gibt es im Staatsarchiv Frauenfeld die Unterlagen des Bischofszeller St. Pelagius-Stifts und des Klosters Kreuzlingen sowie im Stadtarchiv St. Gallen gegen 1000 Bände zur alten Herrschaft Bürglen. Bei konfessionellen Fragen bietet neben den Pfarrarchiven das Staatsarchiv Zürich wichtiges Quellenmaterial. Auch die Bestände im Sulger Gemeindearchiv sind reichhaltig und gut geordnet, wobei es nur im Fall von Donzhausen bedauerliche Lücken gibt. Eine ergiebige Quelle sind auch die regionalen und kantonalen Zeitungen.
Worin besteht für Sie der Reiz, die Geschichte kleinerer, ländlich geprägter Orte wie Sulgen zu erforschen?
Menolfi: Der Reiz einer Gemeindechronik hängt nicht von der Grösse eines Ortes ab. Es braucht interessante Fragestellungen und ausreichend historische Quellen. Zudem habe ich eine enge Beziehung zum Land. Als Kind und Jugendlicher verbrachte ich fast alle Ferien auf einem Bauernhof nicht allzu weit weg von Sulgen. Während meiner Studienzeit widmete ich mich ausgiebig der Wirtschafts- und Agrargeschichte, die damals einen Aufschwung erlebte. Im Unterschied zu wissenschaftlichen Abhandlungen in Fachpublikationen kennt man bei Ortsgeschichten zumindest einen Teil der Leserschaft, die auf die Publikation gespannt ist. In diesem Sinne freue auch ich mich, an der Vernissage mit der zukünftigen Leserschaft zusammenzutreffen. Ein anderer Grund ist, dass die historische Forschung im Thurgau zu meinen Anfangszeiten in den 1970er-Jahren in einer Art Blockade steckte. Es war daher reizvoll, in einem Gebiet zu arbeiten, in dem die historische Gilde nicht so zahlreich vertreten ist.
Als Historiker sind Sie einer wissenschaftlichen Arbeitsweise verpflichtet, gleichzeitig wird die Leserschaft hauptsächlich aus interessierten Laien bestehen. Wie wird man als Autor beiden Anforderungen gerecht?
Menolfi: Mit etwas gutem Willen ist es möglich, wissenschaftliche Inhalte in verständlicher Sprache zu vermitteln. Es gibt zudem mehr historisch interessierte Leute, als man gemeinhin annimmt. Diesen darf man eine vertiefte Lektüre zumuten. Der Text muss auch nicht langweilig sein, denn richtig eingesetzte Anekdoten und lustige Einschübe können die wissenschaftlichen Aussagen untermauern. Während der Historiker mit Eifer Aufnahmen von alten Gebäuden aufspürt und dann mit Stolz in das Buch aufnimmt, will der heutige Hausbesitzer lieber sein renoviertes Wohnhaus abgebildet sehen. Dann gibt es fast überall eine volkstümliche mythologische Geschichtsschreibung, die man gerne vom Fachmann bestätigt wüsste.
Entspricht Ihr zweites Sulger Buch den eigenen Erwartungen und Ansprüchen oder mussten Sie während der Arbeit eine Art Kurskorrektur vornehmen?
Menolfi: Anpassungen des Konzepts infolge vertiefter Einsicht in die Materie sind nötig. Teils eröffnen zuvor unbekannte Quellen neue Perspektiven. Wenn das Buch Gestalt annimmt, kommen Ergänzungswünsche vonseiten der Behörde. Nicht jedes Kapitel erhält den vorgesehenen Stellenwert und ursprüngliche Ideen wurden nicht verwirklicht. Geplant waren etwa eine Art Lexikon oder einige Leerseiten, die man mit eigenen Bildern und Texten hätte füllen können, um so jedes Exemplar zu einem persönlichen Geschichtsbuch zu machen. Ich glaube aber, den Gesamtauftrag gut erfüllt zu haben.
Wann, denken Sie, wird die Zeit für ein drittes Sulger Buch reif sein?
Menolfi: Kurz gesagt: Wenn das zweite Sulger Buch vergriffen ist. Die Frage hat aber einen interessanten Kern. Eine Gemeindechronik hat einen besonderen Stellenwert in vielen Familien. Eine Mehrheit der Dörfer muss ohne ein eigenes historisches Werk auskommen. Im Idealfall erwacht innerhalb der Bevölkerung das Bedürfnis nach einer geschichtlichen Aufarbeitung der örtlichen Vergangenheit. Es zeichnet eine Gemeinde aus, wenn sie signalisiert, dass sie kulturellen Werten eine Bedeutung zumisst. Aus der Sicht des Historikers gibt es immer wieder aktuellere Sichtweisen und Fragestellungen, die einen neuen Blick auf eine Gemeinde ermöglichen würden.
Interview: Georg Stelzner